Editorial

In einem Kommentar über die gegenwärtige globalstrategische Lage sprach der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Präsidentschaftskandidat in der Demokratischen Partei Lyndon LaRouche jüngst von einem „Wechsel der politischen Großwetterlage“. Die Streitereien, die zu Beginn des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und auf der Wehrkundetagung in München losbrachen, hätten einen Bruch zwischen öffentlich zur Schau getragener politischer „Linie“ und einer hinter den Kulissen geradezu in Panik geführten Debatte über die Weltlage deutlich gemacht. Dies sei kennzeichnend für den umfassenden Stimmungswandel, der sich derzeit bei den politischen Eliten wie in der Bevölkerung abzeichne.

Wesentliche Ursache für den Wandel in der politischen Großwetterlage, so LaRouche, ist die Weltfinanzkrise, die im Oktober 1997 in Asien begann und nun dabei ist, in eine zweite, sehr viel gefährlichere Phase einzutreten. Die Krise des Weltfinanzsystems geht einher mit einer tiefgreifenden geistigen und kulturellen Krise. Die Bevölkerung in den USA, Europa u. a. ist in den Grundfesten ihres Denkens erschüttert. Unter dem Eindruck der Schocks der letzten Monate brechen die alten Axiome des Denkens zusammen. Mit einem Male werden die Paradigmen, die „Werte“ der „nachindustriellen Gesellschaft“ grundsätzlich in Frage gestellt: das malthusianische Dogma von den Grenzen des Wachstums und der Überbevölkerung, die liberale Bildungsreform, New Age und die Rock-Drogen-Sex-Gegenkultur, welche seit Beginn der 60er, seit dem Ende der Ära Kennedy, de Gaulle und Adenauer Jahre die Politik und Kultur unserer westlichen Gesellschaften prägten.

Verunsichert durch den Verlust an Arbeitsplätzen, ziehen die Menschen in Europa und in Asien auf die Straße. In der amerikanischen Gesellschaft tut sich ein tiefer Graben auf zwischen denen, die die Todesstrafe als law and order-Maßnahme befürworten, und denen, die mit tiefem Schrecken auf das barbarische, sozialdarwinistische Verhalten eines Teils der Gesellschaft reagieren. Die Debatte um die Todesstrafe hat die grundsätzliche Frage nach dem unveräußerlichen Recht des einzelnen auf Leben und die Unantastbarkeit und Würde des Menschen, welche in der Verfassung der USA als Grundrecht verbrieft sind, aufgeworfen.

In Deutschland sprach Josef Kardinal Ratzinger in einer vielbeachteten Rede vor dem Hamburger Überseeclub von der „Schizophrenie der Moderne“: Kennzeichen für die Krise der Gegenwart sei die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, Vernunft und Glauben, zwischen subjektivem und objektivem Denken, welche mit der Aufklärung begann. Während die Wissenschaftszweige immer mehr ins Partikuläre gingen und den Blick eines kohärenten Ganzen verlören, zeige sich eine starke Hinwendung zu den esoterischen Religionen, zu Magie und Aberglauben.

In Deutschland konzentriert sich die Debatte auch stark um Bildung und Erziehung. Soll Bildung, wie Minister Rüttgers und auch Bundespräsident Herzog forderten, „funktional“, an den Bedürfnissen der Informationsgesellschaft ausgerichtet sein, oder an der auf Allgemeinbildung zielenden humanistischen Humboldtschen Erziehung?

Immer mehr Professoren und Lehrer melden sich alarmiert zu Wort und beklagen den Mangel an Orthographie, an Rechen- und Geographiekenntnis bei einer wachsenden Zahl von Hauptschul- und Gymnasialabgängern. Wenn die Bildungsmisere so weitergehe und die Bildung weiter dem Rotstift geopfert wird, dann werde Deutschland sehr bald den Status einer „Industrie- und Wissenschaftsmacht“ verlieren. Immer mehr Schülern mangele es an der Fähigkeit, sich sprachlich eigenständig und adäquat auszudrücken.

Dies hängt mit fehlender Kenntnis der klassischen Literatur und Philosophie zusammen, und nicht zuletzt mit einem tiefgreifenden Mangel an Ausbildung in klassischer Musik. Wie wesentlich sich gerade diese auswirkt, zeigt eine Studie von Prof. Hans Günther Bastian Beeinflußt intensive Musikerziehung die Entwicklung von Kindern?; sie weist anhand eines Modellversuchs an Berliner Grundschulen nach, daß die Ausbildung in klassischer Musik und das Erlernen eines Instrumentes entscheidend zur Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes beiträgt. Dies zeigt sich in einem entwickelten Sprach- und Denkvermögen, erhöhter Konzentrationsfähigkeit und einer größeren Fähigkeit zu sozialer Integration und Kooperation.

Die Studie belegt einmal mehr die Notwendigkeit der klassischen humanistischen Bildung, wie sie Friedrich Schiller und Wilhelm von Humboldt entwickelten. Für Humboldt ist „der wahre Zweck des Menschen die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zum Ganzen“ (Ideen zu einem Versuch die Gränzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen). Schiller spricht in den Ästhetischen Briefen davon, daß „alle Verbesserung im Politischen von der Veredelung des Charakters des einzelnen ausgehen müsse“ und eine ästhetische, d. h. die sprach- und denkschöpferische Fähigkeit fördernde Bildung für die Erziehung zum Staatsbürger von zentraler Bedeutung sei. Schiller und Humboldt richteten ihr Augenmerk auf die Charakterbildung und die sokratische wissenschaftliche Methode, die es dem einzelnen ermöglicht, neue Ideen zu entdecken.

Der Artikel von Helga Zepp-LaRouche macht deutlich, wie sehr gerade die klassische Tragödie das geschichtliche Urteilen und Denken bilden muß. Mit seinen Tragödien wollte Schiller in gedrängter poetischer Form die Gesellschaft und den einzelnen mit den wesentlichen Fragen der Menschheit konfrontieren.

Die Erziehung zur selbstbewußten Freiheit des Geistes ist eng mit der Frage der Grundlage schöpferischen Denkens verknüpft. Leonardo Servadio stellt uns den Hl. Paulus als scharfen Gegner pragmatisch-funktionalen und akademischen Denkens vor, dessen Ideen nachhaltigen Einfluß auf die spätere Philosophie etwa eines Augustinus, Nikolaus von Kues und Leibniz nahmen. Bis heute geht eine ungeheure Kraft von diesem Denker aus, der das Christentum im 1. Jahrhundert in der römisch-heidnischen Gesellschaft verbreitete. Paulus erhebt die Liebe zu Gott und zum Mitmenschen zum Prinzip des schöpferischen Denkens und Gesetz des geschichtlichen Handelns.

So schreibt er in seinem berühmten Korintherbrief: „Die Liebe ist langmütig und freundlich; die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässet sich nicht erbittern. (…) Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf.“

Paulus‘ Ideen stehen ganz im Gegensatz zum trockenen analytischen Denken eines Descartes, mit dem sich der Artikel von Christine Bierre beschäftigt. Für den französischen „Nationalphilosophen“ existiert ein unüberwindlicher Dualismus zwischen Denken und Fühlen, und damit schafft er die Grundlagen für jenes Auseinanderdriften zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, von dem Kardinal Ratzinger spricht. Paulus war nicht nur Inspirationsquell für Philosophen, sondern auch für große Künstler wie Rembrandt. Dieser stellte den Apostel mehrfach dar, als Gelehrten im Studierzimmer, und als Gefangenen im Kerker. Hier erleuchtet der Geist das Gesicht sozusagen von innen: Mit der inneren Kraft des Lichts der Vernunft überwindet der Mensch die Grenzen des Kerkers. Rembrandt schuf sogar ein „Selbstporträt als Apostel Paulus“ (unser Titelbild): mit ungebrochener Kraft, trotz aller widrigen Umstände des Lebens ist der Mensch erhaben über das Leiden und größer als das Schicksal. Die Liebe ist die Quelle, welche jene selbstbewußte Freiheit des Geistes möglich macht.

Nun, da die alten Paradigmen zusammenbrechen, ist die Gelegenheit gegeben, die falschen Axiome unseres Denkens der letzten 30 Jahre zu korrigieren. Dazu muß eine neue, gerechte Ordnung der Weltwirtschaft mit dem Rückgriff auf die Werte der abendländischen Zivilisation einhergehen. Lyndon LaRouche nennt vier Hauptelemente einer solchen auf den Gesetzen der Vernunft gründenden und am Menschen orientierten Weltwirtschaftsordnung:

  1. „Wir müssen das hoffnungslos bankrotte gegenwärtige Weltfinanz- und Weltwährungssystem aufgeben und zu den protektionistischen Vereinbarungen zurückkehren, die dem Bretton-Woods-System der 50er Jahre zugrunde lagen.
  2. Eine der notwendigen Veränderungen gegenüber dem System der 50er Jahre wird der Ersatz der bankrotten Zentralbanken durch neue Nationalbanken sein, deren Form sich aus den erfolgreichen Vorschlägen des ersten US-Finanzministers Alexander Hamilton ableitet.
  3. Da in dem Konzert der Nationen, das zur Schaffung der notwendigen Reform vereint werden muß, die bevölkerungsreichen Nationen Ost- und Südasiens ebenso vertreten sein müssen wie die USA und jene europäischen Staaten, die sich anschließen möchten, muß das neue Währungssystem eine „neue gerechte Weltwirtschaftsordnung“ sein, von der die Entwicklungsländer seit langem gesprochen haben.
  4. Für eine Erholung aus der gegenwärtigen weltweiten Krise sind minimale realwirtschaftliche Profite notwendig. Dafür braucht man einen raschen und starken Anstieg des realwirtschaftlichen Pro-Kopf-Outputs. Dafür wiederum müssen Staatskredite in großangelegte Infrastrukturprojekte gelenkt werden, damit die öffentlichen Investitionen hohe Wachstumsraten bei den privaten Investitionen in wissenschaftlichen und technischen Fortschritt stimulieren.“

Werden diese vier Maßnahmen nicht ergriffen, so LaRouche, gebe es keine Hoffnung, daß die Zivilisation, wie wir sie kennen, dieses Jahrhundert überlebt: „Reformen, die keine axiomatische Veränderung der Politik in diese Richtung widerspiegeln, werden nur eine sehr ernste Lage noch massiv verschlimmern… Klar ist: Die Welt, wie sie die meisten von uns noch bis vor kurzem für selbstverständlich hielten, existiert nicht mehr. Da draußen ist eine neue Welt, und Sie sollten sich besser sehr rasch mit dieser Wirklichkeit vertraut machen.“