Von Sophisten und Philosophen

Der Sophismus war schon immer eine imperiale Methode zur Machtausübung und Ausdruck eines bestialischen Menschenbildes, den der Autor mit dem Denken Solons und Sokrates‘ kontrastiert.


Aus den großen Worten der Vertreter des „kollektiven Westens“ über die Verteidigung der „wertebasierten Ordnung” spricht der reine Hohn, wenn man sich deren kaltherzigen Umgang mit den Menschen in den mehr als 30 vom Westen sanktionierten Ländern betrachtet.

Obwohl das Völkerrecht das Aushungern der Zivilbevölkerung als Kriegsverbrechen ächtet, betreibt der Westen unter Führung von Großbritannien und den USA genau eine solche Politik gegenüber Syrien und dem Jemen. Die „Caesar“-Sanktionen, die der US-Kongreß 2020 einführte, drohen allen Nationen, die mit Syrien Handel treiben, Strafmaßnahmen an.

Alena Douhan, Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen über die negativen Auswirkungen von einseitigen Zwangsmaßnahmen auf die Menschenrechte warnte: „Die Bevölkerung hat nichts zu essen, keinen Strom wegen dieser Sanktionen!“.

Ebenso äußerte sich der Kardinal und Apostolische Nuntius in Syrien, Mario Zenari. 90 Prozent der dortigen Bevölkerung lebten heute in Armut, und die Mehrheit der Bevölkerung sei abhängig von Lebensmittellieferungen. Zwar seien in mehreren Regionen des Landes seit Monaten keine Bomben und Raketen mehr eingeschlagen, aber dafür wirke sich die „schreckliche Bombe der Armut“ um so schlimmer aus.

Die von den USA und Großbritannien geführte Allianz plante bereits seit 2006 den Umsturz der Regierung in Damaskus und arbeitete dabei schamlos mit Terroristen zusammen.

Diese Politik des Schreckens zeigt, wie weit schon die Verrohung der Werte im Westen vorangeschritten ist, und es droht ein weiteres Absinken in die Barbarei, eine Entwicklung, die ihren Ursprung in der Zeit der endgültigen Transformation und Einbindung der USA nach der Ermordung John F. Kennedys 1963 in ein „Anglo-Amerikanisches Imperium” hat. Der daraus resultierende Vietnamkrieg war nur der Anfang einer langen Reihe sinnloser Kriege, deren Scheitern mit dem Abzug der NATO aus Afghanistan einen neuen Höhepunkt erreicht hat.

Dieser Wandel in den USA war auch verbunden mit einem Umdeuten gesellschaftlicher Werte, einer Ablehnung des christlich humanistischen Menschenbilds, der Verdrängung der klassischen Kultur und Bildung und einer Versinnlichung und Banalisierung des kulturellen Lebens der Bürger.

Lyndon LaRouche verglich diesen Paradigmenwechsel im Westen durch die Rock-Drogen-Sex-Gegenkultur der 68er oft auch mit dem Aufkommen der sophistischen Lehre in Athen nach dem Perserkrieg, der 479 v. Chr. endete und endlich in Zusammenwirkung mit dem Peloponnesischen Krieg zum Untergang Athens führte.

Die Vorgeschichte: Von Solon bis Sokrates

Solon von Athen. Quelle: Wikipedia/Saitko

Glücklich konnten sich die Athener schätzen, Solon als Gründervater gehabt zu haben, der in Athen von ungefähr 640–560 v. Chr. lebte. Er stammte aus einer verarmten Adelsfamilie und mußte schon früh selbst für seinen Unterhalt sorgen. Daher ging er zu Schiff auf Handelsreisen und kam so in Kontakt mit vielen Kulturen des Mittelmeerraums. Seine umfassende Bildung und poetisches Können machte einen solchen Eindruck auf seine Mitmenschen, daß er zu seiner Zeit mit dem großen Homer verglichen wurde. Heute sind nur noch Bruchstücke seiner Schriften und Gedichte erhalten geblieben.

Es ist überliefert, daß sich Solon unter Einsatz seines Lebens trotz eines Redeverbots für die Verteidigung der verbündeten Insel Salamis einsetzte, indem er sich, Wahnsinn vortäuschend, auf einen Stein stellte und folgendes Gedicht vortrug:

„Selber vom lieblichen Salamis kam ich als Herold herüber, hier, wo man Reden sonst hält, töne mein kunstvolles Lied!

Wär‘ ich doch statt ein Athener gleich Pholegandrier, gleich ein Sikinetischer Tropf, tauschend mein väterlich Land; denn es wird das Gerede alsbald bei den Leuten entstehen: ‚Seht, ein Mann aus Athen, auch so ein Salamisheld.‘

Auf gen Salamis! Laßt um die köstliche Insel uns kämpfen! Denn die drückende Schmach von uns zu schütteln ist Zeit.“((Drei Fragmente der Elegie „Salamis“, Jahresbericht 1863, Kgl. Bayrische Lateinschule. Fragmente von Kallinos, Tyrtaios, Solon. S. 19.))

Sein Einsatz zahlte sich aus, und er konnte die Unterstützung für einen erfolgreichen Feldzug mobilisieren.

Zur Zeit Solons hatte sich die Oligarchie an der Freiheit der Bürger Athens gewaltsam vergangen. Damals war es den Großgrundbesitzern erlaubt, die Kleinbauern als Sklaven zu nehmen, wenn diese ihre Schulden nicht begleichen konnten. Viele von ihnen wurden anschließend in fremde Länder verkauft. Das wirtschaftliche Leben kam zum Erliegen, da viele Felder nicht mehr bewirtschaftet werden konnten. Der gesellschaftliche Frieden in Athen war in Gefahr. Die Armen und die Obrigkeit lagen in einem unerbittlichen Streit, die einen wollten die Oligarchen gewaltsam enteignen, die anderen ihren zu Unrecht erlangten Reichtum retten. In dieser Not wurde Solon als Archon zum Gesetzgeber der Stadt gewählt und mußte bei den Reichen die Gier, bei der Unterschicht den Drang zur Anarchie bremsen.

In dieser Krise schrieb er das Gedicht Die Frage des Athenischen Staates:

„Gilt der Willen des Zeus und der Sinn der unsterblichen, sel‘gen
Götter, so wird niemals unsere Stadt je vergeh‘n.

Solche Wächterinn ja, großmüthig, gewaltigen Vaters,
Pallas Athene hält über diesebe die Hand.

Aber die Städter selbst sind‘s, welche der mächtigen Stadt Sturz
Wollen im Unverstand, Sklaven der Sucht nach Gewinn.
Auch der Führer des Volks verdorbener Sinn; die erwartet
Mancherlei Unglücks Last, da sie im Stolze so groß.

Nicht ja versteh‘n sie zu zähmen den Geldstolz, nicht zu verschönern
In dem Frieden des Mahls ihnen vorhandenes Glück.

Reichtühmer häufen sie auf, rechtswidrige Thaten verübend.

Weder heiliges Gut schonend noch Volkesbesitz,
Stehlen sie, Einer von da, ein Anderer dorther, aus Geldsucht,
Und ehrwürdigen Rechts Satzungen achten sie nicht.“((Ebenda.))

Solon machte sich ans Werk und befreite durch die „Lastenabschüttelung“ (Seisachtheia) die Kleinbauern Athens von ihrer Schuldenlast. Er gab den schon Versklavten ihre Freiheit und ihren Landbesitz zurück und holte viele wieder ins Land, die ins Ausland als Sklaven verkauft worden waren. Durch Einbindung in die Regierung versuchte er, seinen Mitbürgern die Idee für das Gemeinwohl zu vermitteln und so den Staat zu einen. Auch nutzte er wohl als erster den Begriff „unsere Polis“ („unsere Gemeinschaft“).

Solons auf Holztafeln erstmals schriftlich festgehaltenen Gesetze waren ein Anker zum Schutz der Schwachen gegen die Willkür des Adels. Sie waren über 100 Jahre gültig und wurden, nachdem sie durch neue Gesetze ersetzt worden waren, noch 300 Jahre lang im Tempel verwahrt. Solon nutzte die Poesie, um seine Ideen einer harmonischen Gesellschaft zu verbreiten. Liest man die Fragmente seiner Elegien, so sieht man, wie seine Ideen spätere Dichter und Philosophen, wie z. B. Sokrates, beeinflußt haben.

Über die vergängliche Sinnlichkeit und das Streben nach unsterblicher Tugend schrieb Solon die folgenden zwei Verse:

„Gleichfalls wohl ist reich, der Silber in Menge besitzet,
Gold und Gefilde dazu weizenerzeugenden Lands;
Pferde desgleichen und Mäuler; ja wer nur das Einzige sein nennt,
Was dem Leibe verschafft lieblichen Sinnesgenuß;
Und ein blühendes Kind und Gemahl, wann dies noch hiezu kommt,
Endlich, wenn dann zugleich blüht ihm geeignete Kraft:
Das ist Reichthum den Sterblichen. Keiner ja nimmt mit
All‘ das so viele Geld, steigt er zum Hades hinab.
Auch nicht kauft er sich los und entflieht so dem Tode, der Krankheit
Unglück oder Leid, welches das Alter beschleicht.

Viele sind reich, die schlecht sind, und viele Brave, sie darben.
Doch wir werden uns nicht tauschen von ihnen das Geld
Gegen die Tugend. Denn diese ist stets uns Besitzthum,
Während den Reichtum nun Der, wieder dann Jener besitzt.“((Ebenda, S. 23.))

Solons Handeln zielte weiter als nur auf die bloße Erhaltung des Staates. Er wollte moralische Bürger erziehen, nicht aus Zwang und Furcht vor Strafe die Gemeinschaftsinteressen zu achten, sondern aus innerem freien Antrieb, Gutes zu tun. Er ebnete den Weg in das Goldene Zeitalter Athens.

An Solons Ideal vom harmonischen Staat muß Sokrates gedacht haben, als er vor 2400 Jahren seine Athenischen Mitbürger warnte, die Einflußnahme der Sophisten über Generationen hinweg habe die moralische und intellektuelle Integrität der Athener zersetzt. Die Sophisten waren Scheingelehrte, die versuchten, durch eine ausgefeilte Redekunst an Macht und Reichtum zu gelangen. Sie priesen ihre Lehre an, indem sie behaupteten, sie könnten die Meinungen des Volks je nach Wunsch durch geschicktes Reden in jede Richtung wenden.

Nach dem Sieg der hellenischen Allianz über die persische Invasion 479 v. Chr. schienen die Aussichten für die Stadt gut zu sein. Doch die Athener wurden nun selbst herrschsüchtig. Die Attische Allianz, ein Bündnis von hellenischen Inselstaaten, die gemeinsam gegen die persische Invasion kämpften, wurde immer mehr von Athen mißbraucht. Wo einst jedes Mitglied der Allianz gleiches Stimmrecht über gemeinsame Entscheidungen des Bundes hatte, entschied bald nur noch Athen, und aus Bundesgenossen wurden Vasallen. Diesen Stadtstaaten wurde oftmals nicht erlaubt, eigene Befestigungsmauern zu errichten, damit sie ungeschützt blieben für den Fall, daß sie Ihre Tributzahlung nicht mehr leisteten und dem Bund abtrünnig würden.

Sokrates, der die imperialen Ambitionen verhindern wollte, warnte die Athener, ihnen hülfen weder Mauern noch Schiffe, wenn ihre Seelen durch die falsche Lehre der Sophisten verdorben würden.

Die Sophisten. Kupferstich von Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801).

In Platons Dialog Gorgias wird das Menschenbild der griechischen Klassik mit der sophistischen Morallehre kontrastiert. Der Sophist Gorgias protzt da von seiner Kunst, daß durch die Sophistik „[i]n Wahrheit das größte Gut und zugleich die persönliche Freiheit für die Menschen erwirkt [ist] und die Herrschaft über andere, jedem in seinem Staate.“

„Durch Worte zu überreden, und zwar vor Gericht die Richter, in der Ratsversammlung die Ratsherren, in der Volksversammlung die Bürger, und überhaupt in jeder beliebigen Versammlung, welche Versammlung von Bürgern es auch nur geben mag. Jedenfalls wird, wenn du in dieser Fähigkeit geübt bist, der Arzt dein Sklave sein und der Turnlehrer auch. Dieser Handelsmann aber, das wird sich offen zeigen, erwirbt für einen anderen und nicht für sich, sondern für dich, der du die Massen zu überreden verstehst.“((http://www.zeno.org/Philosophie/M/Platon/Gorgias))

Für Gorgias und die anderen Sophisten war der Begriff der Freiheit ein rein sinnlicher, zum Beispiel das Verhindern von körperlichem Leid und das Streben nach möglichst vielen Genüssen. Auch das Unrecht als Mittel zu Macht und Wohlstand sahen sie nicht als verwerflich an, vielmehr als vorteilsstiftend – natürlich nur, solange man sich nicht erwischen oder bestrafen läßt. Sie waren Anhänger eines bestialischen Menschenbildes und behandelten einen Großteil der Bevölkerung wie Vieh. Die sophistische Lehre und deren Schaffung von Scheinbildern war ihr Mittel, um das Denken des Volks zu kontrollieren.

Einer der Vertrauten des Gorgias, Kallikles, beschwerte sich über die Gesetze zum Schutz der Schwachen in Athen. Er sagte:

„Die Natur selbst aber beweist, daß es gerecht ist, daß der Stärkere mehr habe als der Schwächere und der Fähige mehr als der Unfähige. Unter vielen anderen Beweisen hierfür zeigt sie unter den Tieren überhaupt und unter den Menschen in ganzen Staaten und Geschlechtern; daß das anerkanntes Recht ist, daß der Stärkere über den Schwächeren herrsche und mehr habe als jener. Denn mit welchem Rechte ist denn Xerxes gegen Hellas zu Feld gezogen? Oder sein Vater gegen die Skythen? Oder tausend andere Tatsachen der Art könnte man anführen. Aber ich denke, diese handeln nach der Natur und, beim Zeus, nach dem Gesetz der Natur, freilich nicht nach dem, das wir willkürlich aufstellen. Die Besten und Stärksten aus unserer Mitte nehmen wir von Jugend an her und suchen sie wie Löwen durch Sprüche und Zaubermittel untertänig zu machen und sagen ihnen, Gleichberechtigung müsse sein, und darin bestehe das Schöne und Gerechte. Wenn aber, glaube ich, ein Mann kommt mit einer hinreichend starken Natur, der schüttelt das alles ab, durchbricht die Fesseln mit Erfolg, tritt unsere Satzungen, Zaubersprüche und Formeln und alle die widernatürlichen Gesetze zu Boden, und er, der unser Sklave war, tritt offen als unser Herr auf, und da zeigt sich das Recht der Natur in glänzendem Lichte.“((Ebenda.))

Für sie gab es nur das Recht des Stärkeren, nicht das allen innewohnende Potential der kreativen wissenschaftlichen Erkenntnis.

Sokrates (469–399 v. Chr.). Louvre, Paris. Quelle: Wikipedia/Eric Gaba

In einem Gleichnis sagte Sokrates, die Athener Bürger wären wie Kinder, die von einem gewieften Koch, dem Sophisten, viel Ungesundes und Krankmachendes, aber für die Sinne Schmackhaftes aufgetischt bekommen. Da sie den Begriff des nachhaltig Guten nicht verstünden und schätzten, wären sie leichte Opfer dieser Manipulatoren.

Nach Sokrates ist es nicht nur ein Verbrechen gegen das Individuum, die Entwicklung seiner kreativen Persönlichkeit zu unterdrücken, sondern auch ein Angriff auf die Zukunft der Gesellschaft. Die griechische Klassik sah die Entwicklung einer schönen Seele als die wichtigste Aufgabe des Individuums.

Implizit demonstrierte Sokrates schon im Dialog Menon die Absurdität der Klassenteilung in Sklaven und Herrscher, als er dort dem Sophisten Menon zeigte, daß auch einer seiner Sklaven in der Lage war, eine eigenständige kreative Entdeckung zu machen. Die Menschheit ist also nicht durch einen Kampf jeder gegen jeden getrennt, sondern durch ein harmonisches Gemeinschaftsinteresse verbunden.

In seiner Vorstellung von Naturordnung müßte der Mensch, wollte er glückselig sein, alles daran setzen, jedwede Häßlichkeit der Seele durch unmoralische Handlungen zu vermeiden, weil solche Handlungen dem Kern seines Lebenszwecks entgegenstünden.

Sokrates argumentierte auch, daß in einer gesunden Seele die moralische Pflicht, Gutes zu tun, schwerer wiegen müßte, als selbst das Streben nach körperlicher Unversehrtheit. Die Sophisten hingegen rieten, sich dem gegenwärtig Herrschenden möglichst ähnlich zu machen, ob gut oder schlecht, um keine Gewalt zu leiden.

Sokrates lehrte hingegen, der Mensch sollte den Zweck seines Seins nicht an materialistische Werte binden, sondern an dem messen, was er an Gutem und Schönem während seines Lebens für die Gesellschaft beizutragen vermöchte. Er könnte sich durch eine immer größer werdende Güte, dem absolut Guten der Götter (des Gottes) annähern.

Zur Zeit des Sokrates war Athen fast 30 Jahre lang (431–404 v. Chr.) in einen innergriechischen Krieg mit dem einstigen Verbündeten Sparta verwickelt. Obendrein brach auch schon im ersten Kriegsjahr, begünstigt durch die Verschanzung der Athener, in der Stadt die Pest aus, der etwa ein Viertel der Bürger zum Opfer fielen. Der Athener Historiker und Zeitzeuge Thukydides beschreibt in seinem Werk Der Peloponnesische Krieg die grausamen Szenen, wie die vielen Kranken von ihren Angehörigen zurückgelassen wurden, da sie sich der Gefahr der Ansteckung nicht aussetzen wollten. Die Toten stapelten sich in den Gassen und wurden von den Hunden verzehrt. Viele der Bürger hatten dabei den Verstand verloren. Die Kranken verdursteten, und einige waren so verzweifelt, daß sie sich in die Brunnen warfen, um ihre Pein zu enden.

Thukydides (454–399/396 v. Chr.)

Thukydides beschreibt auch den zunehmenden Verfall der Sitten. Ganze Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht, alle männlichen Einwohner erschlagen und die Kinder und Frauen als Sklaven verkauft.

Die Melier, die Bewohner der Insel Melos, wollten ihre Neutralität im Konflikt zwischen den Athenern und den Spartanern wahren. Sie wurden von den Athenern vor die Wahl gestellt, sich entweder ihrem Bündnis unterzuordnen, oder von ihnen angegriffen zu werden. Die philosophische Argumentation der Athener über „ihr Recht”, fremde Völker zu versklaven, war mit der des oben erwähnten Sophisten Kallikles identisch.

Thukydides schildert im 5. Buch („Der Peloponnesische Krieg“), Kap. 85 ff., ausführlich den Disput zwischen dem Gesandten Athens und dem Vertreter der Insel Melos:

„Melier: Gegen den zweckmäßigen Vorschlag, die Sache ruhig miteinander zu besprechen, haben wir nichts zu erinnern. Daß ihr uns aber so ohne weiteres gleich mit Krieg überzieht, scheint sich damit denn doch nicht zu vertragen… Denn offenbar tretet ihr hier mit dem Anspruch auf, bei diesen Besprechungen das letzte Wort zu haben, und wenn wir dabei, wie wahrscheinlich, recht behalten und deshalb nicht nachgeben, so wird es für uns auf Krieg, wenn wir uns aber fügen, auf Knechtschaft hinauskommen.“

Der Athener entgegnet, die Melier sollten nicht über die Zukunft spekulieren. Athen hätte auch argumentieren können, mit dem Sieg über den Perserkönig habe es sich das Recht auf Herrschaft erworben, aber darum gehe es nicht. „Nur bei gleichen Machtmitteln geht es nach dem Recht, der Mächtige aber tut, was ihm ansteht, und der Schwache muß sich fügen,“ fährt er dann fort.

Der Melier wendet daraufhin ein, da Athen von Recht nichts wissen wolle, möge es zumindest bedenken: „Solltet ihr auch einmal besiegt werden, so würde man sich eure Härte zum Beispiel nehmen und gegen euch ebenso verfahren“.

Aber der Athener erwidert:

„Von einer Macht, die selbst über andere herrscht, wie die Lakedämonier… , hat der Besiegte nicht allzuviel zu fürchten; weit gefährlicher ist es, wenn die eigenen Untertanen sich gegen ihre Herren auflehnen und sie besiegen… Vernehmt also, daß wir hier sind, um euch unserer Herrschaft zu unterwerfen, und mit euch darüber zu reden gedenken, wie… ihr dabei zu unser beider Vorteil gut fahren werdet.

Melier: Wie könnte wohl die Knechtschaft für uns so vorteilhaft sein wie für euch die Herrschaft?

Athener: Weil es für euch immer noch vorteilhafter wäre, unsere Untertanen zu werden, als über die Klinge springen zu müssen, für uns aber ein Gewinn, wenn wir euch nicht vernichten müssen.“

Auf die Frage des Meliers, ob Melos nicht neutral bleiben könnte, entgegnete der Athener:

„Nein, denn eure Feindschaft schadet uns weniger als eure Freundschaft, da diese in den Augen unserer Untertanen ein Zeichen unserer Schwäche wäre, eure Feindschaft aber ein Beweis unserer Macht.

Melier: Wenn ihr vor nichts zurückschreckt, um eure Herrschaft zu behaupten und die unabhängigen Völker sich unbedenklich in Gefahr stürzen, um sie abzuschütteln, wäre es da für uns, die wir noch frei sind, nicht die größte Schande, wollten wir nicht lieber alles wagen, als uns unters Joch begeben?

Athener: Bei vernünftiger Überlegung keineswegs. Denn es handelt sich für euch nicht darum, eure Tapferkeit zu beweisen…, sondern um Sein und Nichtsein und um die Notwendigkeit, euch einem ungleich Mächtigeren nicht zu widersetzen.

Melier: Bekanntlich ist aber das Glück im Kriege manchmal auch dem Schwachen günstig…

Athener: Gewiß, Hoffnung ist ein Trost in der Gefahr… Wer aber mit ihr, weil sie ihm goldene Berge verspricht, alles aufs Spiel setzt, wird erst durch Schaden klug… Euch fehlt die Macht, und euer Schicksal hängt an einem Haar. Deshalb sollten die Melier besser nicht an Wunder glauben.

Melier: Wir vertrauen jedoch auf unser Glück, daß die Gottheit uns nicht wird unterliegen lassen, da wir eine gerechte Sache gegen einen Gewaltakt vertreten. Sofern es uns aber selbst an Macht fehlt, rechnen wir auf die Hilfe der Lakedämonier…

Athener: Unseres Erachtens gilt nämlich in der ganzen Welt… eben ein für allemal das Recht des Stärkeren… und ihr würdet es wie jeder andere bei gleicher Macht auch so machen.“

Der Melier wandte ein, sie könnten sich auf die Lakedämonier wegen ihrer verwandtschaftlichen Gesinnungen verlassen. Daraufhin der Athener:

„Wer einem anderen im Krieg zu Hilfe kommen soll, verläßt sich aber nicht auf Gesinnungen…, sondern auf die wirklichen Machtmittel… Und gerade die Lakedämonier sehen darauf noch mehr als andere… Fallt nur nicht etwa auf die Ehre rein, die den Menschen oft in Gefahren verderblich geworden ist… In der Tat sind schon manche… durch den verführerischen Klang des Wortes Ehre verleitet worden, sich freiwillig rettungslos ins Verderben zu stürzen… Seid also vernünftig, und hütet euch davor. Glaubt nicht, es ginge gegen eure Ehre, den Widerstand gegen eine Großmacht aufzugeben… Noch habt ihr die Wahl zwischen Krieg und Sicherheit; laßt euch nicht durch Ehrgeiz zu einer verkehrten Wahl verleiten.“

Nach diesen Worten verließen die Athener die Sitzung.

Die Melier diskutierten jetzt unter sich weiter und gaben dann den Athenern folgende Antwort:

„Wir […] können die Unabhängigkeit unseres seit 700 Jahren bestehenden Gemeinwesens nicht im Handumdrehen aufgeben, vielmehr werden wir im Vertrauen auf die Gottheit, die uns bisher in Schutz genommen hat, und auf menschliche Hilfe, namentlich von seiten der Lakedämonier, unser Heil versuchen. Wir […] wünschen aber im Krieg neutral zu bleiben und fordern euch hiermit auf, nach Beschluß eines uns beiden annehmbaren Vertrages unser Land zu verlassen.“

Daraufhin erklärten die Athener, die Melier seien die einzigen, denen „ein Sperling in der Hand lieber wäre als die Taube auf dem Dach“.

Wenig später begannen die Athener mit den Feindseligkeiten und schlossen die Stadt mit einer Mauer ein. Nach einigen Erfolgen mußten sich die Melier letztendlich den Athenern auf Gnade und Ungnade ergeben. Die Athener töteten alle erwachsenen Männer und verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei. Das Land behielten sie für sich und besetzten es später mit 500 Kolonisten.

Selbst wenn im weiteren Verlauf des Krieges nach großem Blutvergießen einmal die Stimmen erhört wurden, die einen Waffenstillstand oder sogar einen Frieden forderten, so trieben das Mißtrauen und die gegenseitigen Ränke die beiden Seiten, nur den eigenen Vorteil suchend, doch immer wieder in den Streit.

Die Athener überspannten ihr Imperium spätestens mit dem größenwahnsinnigen Sizilienfeldzug, in dem sie sich in Streitigkeiten verfeindeter Städte durch einen Präventivkrieg eingemischt hatten. Sie unterschätzten die Fähigkeiten der Stadt Syrakus, wurden schnell von Belagerern zu Belagerten, und verloren in der Folge ihre gesamte Armee und Flotte. Der Peloponnesische Krieg zog sich zwar noch neun weitere Jahre hin, aber schlußendlich mußte sich Athen nach langem Zermürbungskrieg ergeben.

Athens Fall lehrt uns, daß sich das Scheitern von Gesellschaften über lange Zeit anbahnt, aber von dem Großteil der Bevölkerung unbemerkt bleibt, weil sie mangels Einsicht in die eigene Axiomatik Veränderungen in der Gesellschaft unbewußt übernehmen. Erst wenn die Katastrophe schon unabwendbar ist, erkennen sie die Gefahr. Es ist eine Blindheit gegenüber den Lehren der Geschichte, vor der auch einst Athens Solon bei einem Besuch im alten Ägypten schon von einem Priester gewarnt wurde, der ihm sagte, Athen fehlten „alte Männer”, soll heißen: geschichtsbewußte Männer!