Afghanistan: „Das Land der 1000 goldenen Städte“ und die Geschichte von Ai Khanoum

Der folgende Artikel ist eine bearbeitete Mitschrift des Vortrags von Karel Vereycken auf dem Workshop über das „Kulturelle Erbe Afghanistans“, der am 7. November 2023 in Kabul im Rahmen der vom Ibn-e-Sina Forschungs- und Entwicklungszentrum organisierten internationalen Konferenz vom 6. bis 8. November über den wirtschaftlichen Wiederaufbau Afghanistans stattfand.


Es ist immer schwierig, über die Kultur eines fremden Landes zu sprechen, wenn man vor allem die Sprache nicht beherrscht und wenn sich bisher nicht die Gelegenheit bot, das Land über einen längeren Zeitraum zu bereisen. Daher kann ich nur einige Eindrücke von außen und Dinge, die ich in Büchern gelesen habe, wiedergeben. Ich bitte Sie also, Aspekte zu korrigieren, die mir entgangen sind.

Teilnehmer der Konferenz in Kabul am 6.–8. November 2023. Bild: Schiller-Institut
Teilnehmer der Konferenz in Kabul am 6.–8. November 2023. Bild: Schiller-Institut

Von außen betrachtet ist Afghanistan ein faszinierendes Land. Sein Ruf als „Friedhof der Imperien“ ist dabei für mich besonders faszinierend. Über lange Zeit hat sich Afghanistan gegen die amerikanische und NATO-Besatzung gewehrt. Eine Handvoll entschlossener Kämpfer besiegte eine Militärmacht, die schon im Niedergang war. Zuvor hatte sich Afghanistan bereits der sowjetrussischen Besatzung widersetzt. Und im 19. Jahrhundert bekämpfte es das britischen Empire in drei anglo-afghanischen Kriegen: dem ersten 1839–1842, dem zweiten 1878–1880 und dem dritten 1919. Großbritannien spielte stets das „Große Spiel“ und versuchte zu verhindern, daß das russische Zarenreich Zugang zu den warmen Gewässern des Arabischen Golfs und des Indischen Ozeans erhielt. Um zu verhindern, daß es von Rußland wie auch von Großbritannien kolonisiert wird, weigerte sich Afghanistan damals, eine eigene Eisenbahn zu bauen, was erklärt, warum es heute im Lande nur 300 Kilometer Eisenbahnstrecke gibt – eine in der heutigen Zeit natürlich inakzeptable Situation.

Die Fähigkeit Afghanistans, Widerstand zu leisten und sich die eigene Selbstachtung und Würde zu erhalten, rührt meiner Meinung nach daher, daß Afghanistan als Drehscheibe der sogenannten Seidenstraße das Beste aus den verschiedenen Einflüssen, die in dieser Region aufeinander trafen, aufnahm und in seine eigene Kultur integrierte. So entstand über Jahrhunderte hinweg das Fundament, auf dem sich die afghanische Identität aufbaute.

Ganz im Gegensatz dazu haben ausländische Kolonialmächte immer versucht, die Geschichte, die Kultur und das Erbe der Untertanen, über die sie herrschen wollten, durch die Politik „Teile und Herrsche“ auszulöschen. Meist schwangen sie sich zur einigenden Zentralmacht auf, um so zu tun, als seien die Einheimischen nur Vertreter sich ständig streitender Stämme.

Karte der alten Seidenstraße. Bild: Wikipedia/Furfur
Karte der alten Seidenstraße. Bild: Wikipedia/Furfur

Der griechische Einfluß entlang dieser Handelsroute breitete sich im 4. Jahrhundert v. Chr. massiv in Zentralasien aus, als Alexander der Große (356–323 v. Chr.) 329 v. Chr. das Hindukusch-Gebirge überquerte.

Alexander und seine Nachfolger brachten Tausende von griechischen Siedlern mit, die manchmal als „Ionier“ bezeichnet wurden. Der griechische Einfluß hielt mindestens bis zur Ankunft des Islam im 8. Jahrhundert an und erreichte Regionen, die so weit von Makedonien entfernt waren wie Indien.

Das Griechisch-Baktrische Königreich

Unter der Herrschaft seiner konkurrierenden Nachfolger zerfiel das riesige Reich Alexanders des Großen in verschiedene Einheiten und Königreiche.

Eines davon, und ich werde mich auf dieses eine Beispiel beschränken, ist das, was die heutigen Historiker als das Griechisch-Baktrische Königreich bezeichnen. Durch archäologische Funde, die eine außergewöhnliche städtische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung belegen, läßt sich der griechische Einfluß ausführlich dokumentieren. Auch andere Teile des heutigen Afghanistans gerieten im Rahmen der Herrschaft sogenannter „indo-griechischer“ Königreiche unter den Einfluß der hellenistischen Kultur, aber das ist eine andere lange Geschichte, die ich heute nicht darstellen kann.

Das Griechisch-Baktrische Königreich. Bild: Wikipedia/Laurianne Martinez-Sève
Das Griechisch-Baktrische Königreich. Bild: Wikipedia/Laurianne Martinez-Sève

Das Griechisch-Baktrische Königreich wurde 256 v. Chr. von dem seleukidischen (persischen) Satrapen Diodotus I. Soter gegründet und bestand über 100 Jahre bis zu seinem Untergang 145 v. Chr. Sein Gebiet erstreckte sich vom Partherreich im Westen bis zu den nördlichen Bereichen der viel älteren Indus-Zivilisation im Osten. Es umfaßte einen Großteil des heutigen Afghanistans, Usbekistans, Tadschikistans und Turkmenistans sowie einige Teile des Irans und Pakistans.

Zu den größten und reichsten Städten der Antike zählen Städte wie Ai Khanoum und Baktriens Hauptstadt Bactra (das heutige Balch, einige Kilometer östlich von Masar-e Scharif in Afghanistan), die Stadt, in der Ibn-Sinas Vater geboren wurde, bevor er nach Buchara im heutigen Usbekistan zog. Jahrhunderte zuvor heiratete Alexander der Große in Balch die Tochter eines baktrischen Kriegsherrn namens Roxana („Kleiner Stern“), und nahm die örtliche Kleidung an, um Frieden in seinem Reich zu schaffen.

Der altgriechische Geschichtsschreiber Strabon (63 v. Chr. bis ca. 24 n. Chr.) bezeichnete Baktrien wie viele andere griechische Historiker auch als „das Land der 1000 goldenen Städte“; ein Land, das von allen Schriftstellern, sowohl in der Antike als auch heute, für sein mildes Klima und seine Fruchtbarkeit gelobt wurde: „Baktrien produziert alles, außer Olivenöl.“

Und der römische Naturforscher Plinius der Ältere (24–79 n. Chr.) schrieb über Baktrien: „Die Getreidekörner sind so groß wie eine ganze Ähre bei uns.“

Die Städte Baktriens, die oft an strategisch wichtigen Punkten der Handelsrouten errichtet wurden, entwickelten sich im Laufe der Zeit zu bedeutenden kulturellen Zentren, in denen sich lokale und griechische Traditionen in künstlerischen Bereichen, in der Architektur und in der Religion vermischten.

Die Griechen lebten in diesen Orten Seite an Seite mit der einheimischen Bevölkerung. Die griechische Sprache diente in dieser zentralasiatischen Region für administrative, wirtschaftliche und philosophische Angelegenheiten. Aufgrund des ständigen Flusses von Ideen und Menschen mit unterschiedlichen Berufen wurde sie jedoch neben den lokalen Sprachen verwendet.

Es genügt ein Blick auf die griechischen Namen vieler afghanischer Städte, um zu erkennen, wie vorherrschend das griechische Erbe in diesem Land ist.

Fast alle Städte, die von Alexander dem Großen gegründet wurden, hießen natürlich „Alexandria“. Die bekannteste davon war der große Hafen Ägyptens, in dem griechische Wissenschaftler wie Eratosthenes und andere arbeiteten und lebten.

Ghazni hieß zum Beispiel in Opian einfach „Alexandria“; Bagram, vor allem mittlerweile bekannt als ehemaliger US-Luftwaffenstützpunkt, wurde im Mittelalter „Alexandria im Kaukasus“ und „Kapisa“ genannt; Kandahar hatte einen griechischen Namen: „Alexandria Arachosia“; Herat war “Alexandria Ariana“; Merv im heutigen Turkmenistan wurde „Alexandria“ und später “Antiochia in Margiana“ genannt.

Und die Liste könnte noch weitergeführt werden.

Die Wunder von Ai Khanoum

Einige Städte erhielten einfach nur neue Namen, andere wurden ganz neu gebaut oder neu gegründet. So scheint es auch bei einer antiken Stadt gewesen zu sein, deren Name unbekannt ist, die aber im Laufe der Jahrhunderte unter dem Namen Ai Khanoum (was auf Usbekisch „Monddame“ bedeutet) bekannt wurde.

Stadtanlage von Ai Khanoum. Bild: Wikipedia/Habib M’henni
Stadtanlage von Ai Khanoum. Bild: Wikipedia/Habib M’henni

Die Stadt lag wunderschön am Zusammenfluß des Amou Darja (griechisch „Oxus“) und des Koktscha-Flusses.

Im Jahr 1961 zeigte der König von Afghanistan, Mohammed Zahir Schah, großes Interesse an der Stadt, nachdem er sie auf einem Jagdausflug besucht hatte.

Auf Einladung Afghanistans anläßlich einer Feier zur Unabhängigkeit von den Sowjets und den USA legte eine französische Archäologendelegation unter der Leitung von Paul Bernardvon der Französischen Archäologischen Delegation in Afghanistan (DAFA) die Überreste eines riesigen Palastes in der Unterstadt sowie eine große Sporthalle, ein Theater mit 6000 Plätzen, ein Zeughaus und zwei Heiligtümer frei.

Das genaue Datum der Gründung der Stadt Ai Khanoum ist unbekannt. Interessanterweise entstand Ai Khanoum etwa 20 Kilometer südlich von Shortugai, einem Außenposten und einer Handelskolonie der sehr innovationsfreudigen Indus-Zivilisation (auch bekannt als Harappa-Kultur) im späten dritten Jahrtausend vor Christus.1

Shortugai wurde mit den für das Industal typischen standardisierten Ziegeln erbaut. Siegel aus der Indus-Zivilisation wurden auch an anderen Orten gefunden.

Mehrere Jahrhunderte lang war Shortugai eine außergewöhnliche Bergbaustätte für die Gewinnung von Zinn, das ein wichtiger Bestandteil von Bronze ist, von Gold und von den weltberühmten magischen blauen Edelsteinen aus Lapislazuli, mit denen das Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun und andere bedeutende religiöse Gräber in Mesopotamien (im heutigen Irak) geschmückt wurden.

Shortugai trieb regen Handel mit seinem südlichen Nachbarn Ai Khanoum und baute die ersten Bewässerungssysteme in der Region, eine Spezialität der Indus-Zivilisation.

Hochrelief und Büste eines Philosophen, beide gefunden in Ai Khanoum. Bild links: Flickr/H Sinica
Hochrelief und Büste eines Philosophen, beide gefunden in Ai Khanoum. Bild links: Flickr/H Sinica

In Ai Khanoum wurden mehrere Inschriften sowie Münzen, Artefakte und Keramiken, teilweise indischen Ursprungs, gefunden, die die umfangreichen Handelsbeziehungen der Stadt belegen. Ein Denkmal im Herzen der Stadt zeigte eine Stele mit einer langen Liste von Sprüchen in griechischer Sprache, die die Ideale des griechischen Lebens verkörpern. Diese wurden von Delphi kopiert und endeten mit:

„In der Kindheit lerne gute Manieren;
in der Jugend, beherrsche deine Leidenschaften;
im Alter, sei ein guter Ratgeber;
im Tod, bedauere nichts.“

Leider hat der Ausbruch des sowjetisch-afghanischen Krieges in den späten 1970er Jahren den wissenschaftlichen Fortschritt gestoppt, und während der folgenden Konflikte in Afghanistan wurde die Stätten in großem Umfang geplündert.

Die Ausgrabungen in Ai Khanoum zeigen jedoch archäologische Beweise für die frühe Anwesenheit der Griechen und ihre friedliche Koexistenz mit der lokalen Bevölkerung in dieser Region.

Der Autor beim Besuch des Nationalmuseums von Afghanistan im November 2023 an einem korinthischen Säulenkapitell von Ai Khanoum. Bild: Schiller-Institut
Der Autor beim Besuch des Nationalmuseums von Afghanistan im November 2023 an einem korinthischen Säulenkapitell von Ai Khanoum. Bild: Schiller-Institut

Die Architektur ist nach wie vor sehr griechisch, hat aber auch verschiedene andere künstlerische Einflüsse und kulturelle Elemente integriert, die auf Reisen vom Mittelmeerraum nach Zentralasien importiert wurden. So verwendeten sie zum Beispiel den neubabylonischen und achämenidischen Stil für den Bau ihrer Höfe.

Schrifttafel vor dem Eingang des Nationalmuseums von Afghanistan. „Eine Nation bleibt am Leben, wenn seine Kutur am Leben bleibt.“ Bild: Schiller-Institut
Schrifttafel vor dem Eingang des Nationalmuseums von Afghanistan. „Eine Nation bleibt am Leben, wenn seine Kutur am Leben bleibt.“ Bild: Schiller-Institut

Die Stadt selbst war von gut bewässertem Ackerland umgeben und bestand aus einer Unterstadt und einer 60 Meter hohen Akropolis. Obwohl nicht an einer wichtigen Handelsroute gelegen, kontrollierte Ai Khanoum den Zugang zu den Bergwerken am Hindukusch und zu strategisch wichtigen Engpässen. Ausgedehnte Festungsanlagen, die ständig in Stand gehalten und ausgebaut wurden, umgaben die Stadt. Ai Khanoum wurde auch zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt mit Indien. Es ist ein Beweis für das Ausmaß des griechischen Austausches mit Indien und für den Einfluß städtischer Zentren wie Ai Khanoum in der Region, daß bereits 258 v. Chr. Ashoka der Große, Herrscher des Maurya-Reiches (des dominierenden Staates in Indien), die sogenannten „Griechischen Ashoka-Edikte von Kandahar“ erließ, eine zweisprachige Felsinschrift in Griechisch und Aramäisch. Eine andere von Ashokas Inschriften in der Nähe von Kandahar war ausschließlich in griechischer Sprache verfaßt. Der Gegenstand dieser Edikte gibt auch einen klaren Hinweis auf den Grad des Austauschs zwischen Indien und der hellenistischen Welt. In seinem 13. Edikt nennt Ashoka alle Herrscher der hellenistischen Welt zur Zeit der Inschrift genau beim Namen. Neben dem Austausch mit dem indischen Subkontinent entwickelte das Griechisch-Baktrische Königreich insgesamt auch immer mehr Kontakte zu einer noch weiter östlich gelegenen Macht: China. Im späten zweiten Jahrhundert v. Chr. traf Zhang Qian, ein Diplomat und Entdecker aus der Han-Dynastie, in Baktrien ein. Sein Bericht über diesen Besuch in Baktrien – u. a. die Erinnerung daran, wie erstaunt er war, auf den Märkten chinesische Waren zu finden, die über Indien ins Land kamen – sowie über seine Reisen durch das übrige Zentralasien, ist in den Werken des frühen Han-Historikers Sima Qian erhalten. Nach seiner Rückkehr nach China informierte Zhang Qian den Kaiser über die hoch entwickelten städtischen Zivilisationen in Farg‘ona, Baktrien und Parthien. Die Entdeckungen von Zhang Qian veranlaßten den Kaiser, chinesische Gesandte nach Zentralasien zu entsenden, um Verhandlungen über die Förderung des Handels mit China zu führen. Einige Historiker glauben sogar, daß dies die Geburtsstunde der Seidenstraße war.

Viele der heutigen Ruinen stammen aus der Zeit der Herrschaft von Eukratides I., der die Stadt erheblich erweiterte und sie möglicherweise nach sich selbst in Eukratideia umbenannte.

Eukratides I. wurde um 144 v. Chr. ermordet, und bald nach seinem Tod brach das Griechisch-Baktrische Königreich zusammen.

Die Besetzung von Ai Khanoum ging wahrscheinlich von iranischen Stämmen skythischer Herkunft aus, die von den chinesischen Nomadenvölkern der Yuezhi in den Süden getrieben wurden, die wiederum um 130 v. Chr. eine zweite Invasionswelle bildeten. Die Schatzkammern der Stadt weisen Anzeichen auf, daß sie bei zwei Angriffen im Abstand von fünfzehn Jahren geplündert wurden.

Augenzeugenberichten zufolge arrangierten sich einige Städte mit den Invasoren und vereinbarten eine friedliche Koexistenz. Städte, die sich widersetzten, wie Ai Khanoum, wurden geplündert und niedergebrannt.

Das Kuschan-Reich

In einem sehr interessanten Prozeß der Seßhaftwerdung übernahmen nach den Stämmen der Saken sehr bald die Yuezhi selbst Baktrien und gründeten im frühen 1. Jahrhundert das „Imperium Kuschana“, das einen Großteil des heutigen Usbekistan, Afghanistan, Pakistan und Nordindien umfaßte. Es bestand von etwa 30 n. Chr. bis zu seiner Unterwerfung im Jahr 375 n. Chr. durch die (persischen) Kuschan. Der Name wird verwendet, um das Kuschan-Sasanische Königreich zu bezeichnen, das seine Herrschaft über Baktrien nach dem Niedergang der Kuschan etablierte.

Das Kuschan-Reich, das bis Ende 300 n. Chr. bestand, war ein Zentrum im Geflecht der Seidenstraße. Nordpakistan und Teile Indiens wurden Teil des Reiches, das sich von Zentralasien und der heutigen westlichen Grenze Pakistans, Gandhara, bis Pataliputra in der Ganges-Ebene des heutigen Indiens erstreckte. Die Hauptstadt des Reiches befand sich in Puruschapura, das heutige Peschawar in Pakistan.

Karte des Kuschan-Reichs; unten rechts: Goldmünze, die Kanischka den Großen darstellt. Bild der Karte: Wikipedia/Koba-chan
Karte des Kuschan-Reichs; unten rechts: Goldmünze, die Kanischka den Großen darstellt. Bild der Karte: Wikipedia/Koba-chan

Unter der Herrschaft von Kaiser Kanischka dem Großen der Kuschan-Dynastie erreichte 127–150 n. Chr. das Imperium Kuschana seinen Höhepunkt. Kanischka ist berühmt für seine militärischen, politischen und geistigen Leistungen. Man tauschte Botschafter mit dem römischen Kaiser Marcus Aurelius (161–180 n. Chr.) und dem Han-Kaiser von China aus und man unterhielt diplomatische Kontakte mit dem sassanidischen Persien und dem Königreich von Aksum (dem heutigen Jemen und Saudi-Arabien).

Anfangs folgte die Kuschan-Dynastie noch den kulturellen Ideen der Griechen und deren Ikonographie nach der griechisch-baktrischen Tradition, doch nach und nach entwickelten sie ihre eigene kulturelle Ausrichtung.

So behielten sie zum Beispiel zunächst die griechische Sprache für Verwaltungszwecke bei, aber im Jahre 127 ersetzte Kanischka der Große das Griechische durch Baktrisch – eine iranische Sprache mit griechischen Buchstaben – als offizielle Verwaltungssprache im Reich.

Im Bereich der Religion spielten die Kuschan, die sich zunächst vom Hinduismus angezogen fühlten, eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Mahayana-Buddhismus von Gandhara über den Karakorum nach China, Zentralasien und sogar Sri Lanka und förderten damit die allgemeine Ausbreitung der Seidenstraße.

All diese Faktoren leiteten eine Periode von 200 Jahren relativen Friedens ein, die manchmal als „Pax Kuschana“ bezeichnet wird.

Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. begann das geschwächte Kuschan-Königreich zu zerfallen. In seinem westlichen Teil geriet es unter die Kontrolle der persischen Sassaniden, die im Norden allmählich von den Hephtaliten (genannt die „Weißen“ oder „Iranischen Hunnen“) aus der zentralasiatischen Steppe verdrängt wurden.

Der Buddhismus erlebte dennoch eine Zeit großer Blüte, wie die Beschreibungen des chinesischen Mönchs Xuanzang aus dem 7. Jahrhundert und der Bau der riesigen Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan in Afghanistan zeigen.

Eine der beiden riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan vor und nach deren Zerstörung. Das linke Foto stammt aus dem Jahr 1963, das rechte aus dem Jahr 2008. Die Statue maß 53 Meter. Bild rechts: carlmontgomery.com
Eine der beiden riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan vor und nach deren Zerstörung. Das linke Foto stammt aus dem Jahr 1963, das rechte aus dem Jahr 2008. Die Statue maß 53 Meter. Bild rechts: carlmontgomery.com

Der Islam

Vom Iran drang der Islam von Norden her nach Afghanistan vor. Es gibt keine Anzeichen für eine massenhafte Ablehnung der neuen Religion, außer in einzelnen Gebieten. Doch bald wurde der Wunsch deutlich, von den von Damaskus und dann von Bagdad eingesetzten Gouverneuren unabhängig zu bleiben. Sogar aus einer Provinz im Norden Afghanistans, Chorasan, breitete sich ein Teil des Aufstands gegen die Umayyaden aus, um sie durch das humanistischere Abbasidenkalifat von Harun-al-Raschid zu ersetzen.2

Vom Ende des 10. Jahrhunderts errichtete eine Dynastie türkischen Ursprungs, die Ghaznawiden, ein riesiges Sultanat um ihre Hauptstadt Ghazna, das sich bis nach Indien erstreckte und eine dauerhafte muslimische Gemeinschaft begründete.

Links: Karte vom Ghaznawidischen Reich. Rechts: Das Minarett von Dschām.
Links: Karte vom Ghaznawidischen Reich. Rechts: Das Minarett von Dschām.

Der kulturelle Einfluß der Ghaznawiden läßt sich an der Schönheit der Architektur ablesen, die sie uns hinterlassen haben, aber auch an der Förderung des großen Dichters Firdausi (940–1025 n. Chr.), dem wir das große persischsprachige Nationalepos Schahname (dt.: Das Buch der Könige) verdanken.

Auf die Ghaznawiden folgte eine neue Dynastie, die Ghuriden, aus dem zentralen Hindukusch. Ihnen verdanken wir das Minarett von Dscham.

Ein großer Teil dieses reichen kulturellen Erbes, das die Grundlage für die Identität des afghanischen Volkes bildete und ihm Würde verlieh, wurde ignoriert, in aufeinanderfolgenden Kriegen zerstört, geplündert und ausgebeutet.

ISIS, Daesch und andere terroristische Gruppen, von denen einige von bestimmten westlichen Geheimdiensten unterstützt werden, plünderten Industrieanlagen und nutzten ihre Beute als Einnahmequelle. Die neue afghanischen Regierung hat sie inzwischen ausgeschaltet.

Anregungen

Die Zeit ist reif für einen Neuanfang. Afghanistan kann sein Ansehen in der Welt völlig verändern, das derzeit von seinen Feinden in der Absicht herabgesetzt wird, das Land für ihr eigenes neues geopolitisches „Great Game“ zu mißbrauchen.

Ich habe einen einfachen Vorschlag, Afghanistans Beitrag zur Weltkultur zu erneuern.

Mes Aynak (dt.: „eine Kupferquelle“), 35 Kilometer südlich von Kabul gelegen, ist tatsächlich die zweitgrößte Kupfererzlagerstätte der Welt. China und andere BRICS-Länder benötigen Kupfer für ihre industrielle Entwicklung, weswegen Afghanistan es liefern und die Mine ein erhebliches Einkommen generieren könnte, das es dringend für seinen Wiederaufbau braucht.

Am 25. Mai 2008 unterzeichneten Ibrahim Adel, Minister für Bergbau, und Shen Heting, Generaldirektor chinesischen Schürfunternehmens MCC als Mehrheitseigner des Konsortiums MCC-Jiangxi Copper MJAM den Bergbauvertrag für Mes Aynak. In dem Vertrag wurden die Bedingungen für das erste große Bergbauprojekt und die größte ausländische Investition in Afghanistan festgelegt.

Nachdem jedoch mehrere Sicherheitsvorfälle zu erheblichen Problemen führten und ausländische Mächte Druck ausübten, wurde das Projekt gestoppt.

Runie des Stupas (Tempel) Mes Aynak. Bild: Flickr/Jerome Starkey
Runie des Stupas (Tempel) Mes Aynak. Bild: Flickr/Jerome Starkey

Paradoxerweise gab dies Archäologen die Zeit, auf dem Minengelände eine Fläche von 40 Hektarn von außergewöhnlichem kulturellem Wert freizulegen, vor allem einen riesigen Komplex buddhistischer Klöster, einschließlich Stupas (Tempel), Wandmalereien, Skulpturen und Hunderte archäologische Artefakte.

Auch wenn der Vertrag seit 2008 möglicherweise geändert wurde, läßt sich festzustellen, daß der ursprüngliche Vertrag eine Reihe von potentiell sehr interessanten Aspekten enthält, sowohl für China als auch vor allem für Afghanistan selbst:3

  1. Verhüttung – So wie Bolivien nicht Lithium als Rohstoff, sondern Batterien (ein verarbeitetes Endprodukt mit hohem Mehrwert) exportieren will, will Afghanistan nicht Kupfererz, sondern Kupfermetall exportieren. Um dieses Ziel zu erreichen, sieht der Vertrag den Bau eines Hüttenwerks auf dem Gelände vor. Teil IV, 33: „Um seine Verpflichtung gegenüber der Regierung zu erfüllen, ein Hüttenwerk in Afghanistan zu finanzieren, zu bauen und zu betreiben, hat MCC die Regierung um Zugang zu den Phosphat-, Kalkstein- und Quarzvorkommen gebeten, die MCC im Rahmen des Aynak-Projekts nutzen kann.“
  2. Lokale Wirtschaft – Teil VII, 38: „MCC wird sich nach Kräften bemühen, Waren und Dienstleistungen in Afghanistan zu erwerben, wenn diese verfügbar sind.“ Und Teil VIII, 39: „MCC wird im größtmöglichen Umfang afghanisches Personal beschäftigen.“
  3. Energie- und Wasserversorgung – Teil IV, 32: „MCC hat sich gegenüber der Regierung verpflichtet, Brunnen und Rohrleitungssysteme zur Wasserversorgung zu bauen … um den Frischwasserbedarf des Projekts zu decken. MCC hat sich außerdem verpflichtet, das Brauchwasser so weit wie möglich wiederzuverwenden und zu recyceln.“ Und Teil IV, 31: „MCC hat sich gegenüber dem Bergbauministerium verpflichtet, … ein Kohlekraftwerk mit einer Kapazität von 400 Megawatt zu errichten, um das Projekt und Kabul mit Strom zu versorgen.“
  4. Verkehrsinfrastruktur – Teil IV, 30: „MCC hat sich verpflichtet, eine mit dem Projekt verbundene Eisenbahnlinie zu bauen“.
  5. Unterbringung und Gesundheitswesen – Teil IV, 24: „MCC stellt für seine Mitarbeiter und deren Familienangehörige Wohnraum in ausreichender Qualität und Quantität zu einem angemessenen Mietpreis zur Verfügung.“ Und Teil IV, 25: „MCC stellt allen seinen Mitarbeitern und deren Familienangehörigen kostenlose medizinische Versorgung und Betreuung zur Verfügung … und errichtet, besetzt und unterhält eine ausreichende Anzahl von Krankenstationen, Kliniken und Krankenhäusern …“
  6. Bildung – Teil IV, 26: „MCC stellt kostenlos eine angemessene Grund- und Sekundarschulausbildung für die Kinder aller Angestellten und Bewohner in der Umgebung von Aynak zur Verfügung.“
  7. Freizeit und Einkauf – Teil IV, 27: „MCC wird geeignete Zentren für Freizeitaktivitäten wie Sporthallen und Sportplätze errichten und deren Betrieb finanzieren. … Darüber hinaus wird sie einen Markt/Einkaufsbereich errichten.“
  8. Religion – Teil IV, 28: MCC wird „die religiösen Überzeugungen des afghanischen Volkes respektieren und schützen.“

Die Welt wäre wohl im besten Sinne verwundert, wenn Afghanistan seine besten Architekten und Stadtplaner mobilisieren könnte, um die neue Stadt, die in Mes Aynak gebaut wird, zum „Ai Khanoum des 21. Jahrhunderts“ zu machen.

Nach intensiven Gesprächen zwischen den afghanischen Behörden und dem chinesischen Unternehmen im vergangenen Oktober hat es laut einem hochrangigen Archäologen, der ein Jahrzehnt lang an der Stätte gearbeitet hat, große Fortschritte gegeben. Er ist der Auffassung, daß sich beide Seiten nunmehr voll und ganz dafür einsetzen, die gesamten historischen Überreste an der Oberfläche zu erhalten und nicht nur einen kleinen Teil. Während der Vertrag vorsah, im westlichen Teil Tagebau zu betreiben und nur den zentralen Teil mit den buddhistischen Stupas zu erhalten, soll jetzt, so die sehr glaubwürdige Quelle, die gesamte Lagerstätte mit (teureren) unterirdischen Abbautechniken ausgebeutet werden, um die historischen Überreste an der Oberfläche unberührt zu lassen.

Wenn die Welt feststellt, daß die Überreste der buddhistischen Klöster von Mes Aynak gerettet wurden, wird sich das Bild Afghanistans in der Welt ändern, und in einer zweiten Phase wird es viel einfacher werden, den Wiederaufbau der 2001 zerstörten riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan – eine von 55 Metern und die andere von 38 Metern – in Angriff zu nehmen.

Mehrere Experten, die auf Konferenzen der UNESCO sprachen, haben wissenschaftlich nachgewiesen, daß dies kein technisches Problem darstelle und relativ leicht zu bewerkstelligen sei. Die angebliche Gefahr, daß die Skulpturen dann als „Imitation“ angesehen werden könnten, macht keinen Sinn, solange die Absicht, durch ihre Rekonstruktion ein höheres Gutes zu erreichen, real ist.

Der „Technische Vorschlag zur Wiedererrichtung der Buddha-Statuen von Bamiyan“ aus dem Jahr 2017 vom Fachbereich Architektur der japanischen Mukogawa Women‘s University sollte geprüft und gegebenenfalls verbessert werden. Man sollte nicht vergessen, daß 620 Millionen Buddhisten in der Welt Bamiyan als Teil ihrer eigenen Kultur betrachten und nach Afghanistan kommen könnten, um die Stätte zu besuchen.

Wenn der Welt klar würde, daß Afghanistan seine wirtschaftlichen und bergbaulichen Aktivitäten verstärken, aber gleichzeitig das kulturelle Erbe der Welt auf seinem Boden – in diesem Fall mit großzügiger chinesischer Hilfe – schützen will, würde es seine Entschlossenheit unterstreichen, als Kraft des Guten, der Toleranz und des Friedens in der Welt im Einklang mit seiner eigenen Identität und Geschichte aufzutreten.

Ein afghanisches Wirtschafts- und Kulturwunder würde die Welt ebenso beeindrucken wie die Geschichte um die griechisch beeinflußte Buddha-Statue, die 1965 nördlich von Kabul gefunden wurde.

Der sogenannte Feuer-Buddha. Bild: Wikipedia/Rama
Der sogenannte Feuer-Buddha. Bild: Wikipedia/Rama

Der sogenannte „Feuer-Buddha“ (2.–3. Jahrhundert) stellt Buddhas Antwort auf die Infragestellung von Ketzern dar, daß er keine Wunder vollbringen könne. Bekannt als „Das Wunder von Shravasti“, sprudelten Flammen aus seinen Schultern und Wasser aus seinen Füßen, um seine Überlegenheit zu demonstrieren.

Auch ohne Buddha könnte Afghanistan durch die Steigerung seiner Energieproduktion und ein intelligentes Wassermanagement seine geistige Stärke unter Beweis stellen.

Ich danke Ihnen.

  1. https://artkarel.com/indus-valley-civilization-harappa-mohendo-daro/[]
  2. Siehe Karel Vereycken, „Das Goldene Zeitalter des Islam“, in Ibykus 1/2023[]
  3. https://artkarel.com/wp-content/uploads/2023/11/aynak_contract.pdf[]